Jährliche Archive - 2018

Das Oberhaupt

Das Oberhaupt

Es gibt viele Möglichkeiten, sich das psychische Gefüge des Menschen vorzustellen. Wir können uns dieses Gebilde als ein Zusammenwirken einer Horde wilder Piraten vorstellen, so wie es Michael Ende in seinem legendären Buch um Jim Knopf getan hat. Oder wir können es als einen Widersteit verschiedener innerer Stimmen begreifen, so wie es in der Psychotherapie und im Coaching mithilfe der Methode des Inneren Teams verdeutlicht wird. Oder wir können es uns als einen Zusammenklang aller im Menschen schwingenden Töne vorstellen, so wie es die Sonologie tut. Entscheidender Faktor: alle diese Systeme – und sicher auch noch andere – gehen davon aus, dass es ein Oberhaupt gibt bzw. geben muss. Diese Instanz stellt den Bezugspunkt dar, auf den sich alle anderen Kräfte beziehen und nach dem sie sich ausrichten. Indem dieser ruhende Pol in den Mittelpunkt gerückt wird, erhält das Gefüge seine eigentliche Ordnung.

Die Wilde 13

Am direktesten, und im besten Sinne des Wortes einfachsten, kann dies jeder anhand der Bildsprache von Michael Ende erfassen. Die 12 Piraten brauchen ein Oberhaupt, und er beschreibt auf sehr humorvolle Art was passiert, wenn eine Räuberschar keine stabile Führung hat. Jeder Pirat denkt nur an sich selbst, es gibt kein Teamgefühl, es ist keine koordinierte Tätigkeit möglich, es entstehen nichts als Widersprüche und Missverständnisse. Erst unter der Leitung eines Oberhaupts kommt Ordnung in die Gruppe. In einer sinnvollen Zusammenarbeit findet jeder seinen Platz, zum Wohle eines gut funktionierenden Gefüges. Dieses kann Großes vollbringen: in einer konzertierten Aktion unter Aufsicht des Oberhaupts werden die 12 gepanzerten Pforten geöffnet und “das Land, das nicht sein darf” geht unter. Es verschwindet die Welt der Projektionen, der Fehlwahrnehmungen und Fehleinschätzungen. Zugrunde geht die innere Unordnung, in der sich jeder zum Mittelpunkt macht und seine Bedürfnisse heraus schreit. Auf taucht nun das eigentliche Königreich eines jeden Menschen, sein Land, voller Schönheit, erfüllt von innerem Frieden. Ohne die ordnende Kraft eines starken Oberhaupts hätte es dazu nicht kommen können. Aber ohne das Mitwirken jedes einzelnen Piraten wäre diese Land auch nicht aufgetaucht.

Das Innere Team

Ähnlich verhält es sich in der Welt des Inneren Teams. Diese ist bevölkert von Kindern, Wächtern, Scheinerwachsenen und anderen merkwürdigen Wesen. Sie alle machen sich mit ihren Stimmen bemerkbar, und doch sind sie zu keiner gemeinsamen Aktion in der Lage. Jeder beharrt auf seinen Bedürfnissen, die er erfüllt sehen will. Zusammen schaffen sie es zwar, eine gewisse innere Stabilität zu wahren, die zumindest ein Überleben ermöglicht. Aber wirklich glücklich scheint keiner von ihnen. Die Kinder schreien und fordern, die Wächter schützen mit strenger Macht, und die Scheinerwachsenen reden mit klugen Worten, die keinen überzeugen. Da ist wahrlich keine innere Ordnung, diesem Durcheinander fehlt zweifellos das Oberhaupt.

In Therapeutenkreisen wird immer wieder diskutiert, ob das Innere Team ein solches überhaupt besitzt. Bei vielen Menschen herrscht ein dermaßen lautes Wirrwarr von inneren Stimmen, dass seine Existenz bezweifelt werden muss. Aber in einem solchen Fall steht das Oberhaupt nur stumm in der Ecke und ist in keiner Weise präsent. Die ordnende Kraft hat sich in die Passivität zurück gezogen. Das hat zur Folge, dass die Distanz zu den persönlichen Problemen fehlt und die Teammitglieder umso lauter rufen können. In diesem Moment wird in der Psychotherapie oder beim Coaching mit der Technik des Inneren Teams gerne das Oberhaupt ins Spiel gebracht. Ihm wird zugetraut, die verschiedenen Stimmen zu sortieren, sie zu ordnen, sie zu hören, und ihnen bei Bedarf zu widersprechen. Durch eine Stärkung des Oberhaupts relativiert sich das Kleinklein der inneren Personage, die konstruktiven und wahrhaftigen Stimmen kommen zu Wort. Also auch hier gilt: wer aus seinem inneren Chaos in eine ruhende Ordnung kommen will, wird dies ohne sein Oberhaupt nicht erreichen.

Die tonale Ordnung

In der Welt der Töne sieht die Lage vergleichbar aus. Von den 12 Tönen, mit denen sich der Mensch als klingender Mikrokosmos erfassen lässt, ist einer der zentrale Bezugston: der Persönliche Grundton. Dieser ist individuell verschieden und muss zunächst aus dem Geflecht und dem gleichzeitigen Erklingen aller inneren Töne herausgehört und definiert werden. Das stellt oft eine Kunst dar, denn auch im klingenden Menschen können die verschiedenen Töne ihre Bedürfnisse mehr oder weniger laut kundtun. Da ist es eine besondere Möglichkeit, durch das Singen dieses einzigartigen Bezugstons das Oberhaupt zu stärken und präsent zu machen. Nun können sich alle anderen Töne auf diesen Einen beziehen, die natürliche funktionale Ordnung der Töne entsteht.

Ein starkes Oberhaup bedeutet aber nicht, dass alle anderen Töne verstummen. Sie können weiterhin ihre Bedürfnisse mehr oder weniger lautstark kundtun. Diese inneren Stimmen werden allerdings nicht personifiziert, sondern auf ihre Frequenz abstrahiert: der Sonologe erlauscht, welcher Ton sich gerade bemerkbar macht. Dieser Ton wird dann nicht therapiert, sondern im Körper lokalisiert und durch Singübungen zur Ordnung gerufen. Da ein Ton das Ordnung schaffende Prinzip als natürliche physikalische Kraft in sich trägt, braucht es dafür keinen therapeutischen Prozess. Das Singen allein genügt. Mit Geduld und Durchhaltevermögen finde alle 12 Töne ihren Platz, der klingende Mikrokosmos Mensch kann in seiner ganzen Schönheit erklingen und diesen Zusammenklang in die Welt verströmen.

Souverän sein

Das alles würde nicht funktionieren, wenn es kein Oberhaupt gäbe. Von ihm geht innere Ruhe aus, es ermöglicht eine von störenden Emotionen befreite Lebenssicht und lindert die Dramatik der biographischen Erlebnisse. Das Oberhaupt kann es sogar schaffen, dass man sich selbst mit einem wohlwollenden Lächeln betrachtet, weil man Frieden mit seiner Biographie schließen konnte.

Fast alle Menschen erfüllt die Sehnsucht nach einem starken Oberhaupt, sei es persönlich oder politisch. Diese Sehnsucht stillt sich am besten, wenn man das Oberhaupt in sich selbst entdeckt, fördert und entwickelt. So erschafft man sein eigenes Königreich, gewinnt die Hoheit über sich selbst und wird sein eigener Souverän.

 

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Über die Tücken der Grundtonbestimmung

Treffe ich den richtigen Ton?

Als Anfang der 1990er Jahre Vemu Mukunda die Idee vom Persönlichen Grundton im deutschsprachigen Raum verbreitete, galt diese als absolutes Novum. Heutzutage ist die damalige Hypothese für viele Menschen längst zur Gewissheit geworden, die nicht mehr diskutiert werden muss. Das heißt aber nicht, dass die zentralen Fragen zum Persönlichen Grundton geklärt wären. Im Gegenteil: obwohl sich fast alle Menschen, die persönliche Grundtöne ermitteln, direkt oder indirekt auf Vemu Mukunda berufen, ergeben sich erhebliche Unterschiede bei der Beantwortung der Fragen: “Was ist der Persönliche Grundton?” und “Wie finde ich den Persönlichen Grundton?” Wie kann das sein?

Hören wir zunächst auf einen der zentralen Lehrsätze von Vemu Mukunda. Dieser lautet: “Der Persönliche Grundton ist in der Stimme hörbar.” Dieser Grundsatz lässt allerdings offen, was dieser Grundton tatsächlich ist, noch klärt er, wie genau dieser Ton sich verlautbart. Eine mögliche Umsetzung von Mukundas Lehrsatz besteht darin, unter vorgegebenen Bedingungen die Sprechstimme aufzuzeichnen und die verwendeten Frequenzen quantitativ zu bündeln. Die am häufigsten verwendete Tonhöhe wird zum Grundton. Dieses techniche Messverfahren beantwortet die Frage, was der Persönliche Grundton ist, mit der Menge der vorgefundenen Frequenzen. Damit beruft es sich auf die alten naturwissenschaftlichen Grundparameter von “messen – zählen – wiegen”. Eine quantitative Messung beantwortet die oben formulierte erste Frage ganz eindeutig: häufigster Ton = Grundton, Grundton = häufigster Ton.

“Der Persönliche Grundton ist in der Sprechstimme hörbar” – dieser Satz behauptet aber nicht, dass eine quantitative Stimmmessung zwangsläufig zum gewünschten Ziel führt. Es bestehen ausreichend Hinweise dahin gehend, dass sich die Frequenz des Persönlichen Grundtons zwar in der Stimme zeigt, unter Umständen aber nur in versteckter, subtiler Form. Wer die Chance hatte, Vemu Mukunda bei seinen Grundtonbestimmungen über die Schulter zu schauen und seinen Messungen zu assistieren, konnte leicht feststellen, dass er bei weitem nicht immer die am häufigsten vorgefundene Frequenz als Persönlichen Grundton vergeben hat. Im Extremfall konnte es sogar passieren, dass diese besondere Tonhöhe nur ein einziges Mal auftauchte, wohingegen andere Töne viel häufiger auftraten. Und trotzdem hat Mukunda den Grundton zu recht in Abweichung zur Quantität vergeben. Was hat ihn dazu bewegen können?

Ein zweiter zentraler Lehrsatz von Vemu Mukunda lautet: “Die Stimme ist ein Autokorrekturinstrument.” Jeder Mensch verfügt über eine Menge von Autokorrekturmechanismen. Im körperlichen Bereich sind die bekanntesten Schmerz, Fieber, Entzündung, funktionale Ausgleichsbewegungen und einige mehr. Aber auch auf der Ebene der Frequenzen findet dieser Mechanismus statt. Wenn eine bestimmte Frequenz nicht erklingen kann, weil eine körperliche oder emotionale Dysfunktion ein freies Schwingen dieses Tons verhindert, so füllt die Stimme dieses Frequenzdefizit auf, indem sie diese Tonhöhe vermehrt anstimmt. Diese stimmliche “Erste Hilfe” dient dazu, trotz einer akuten oder chronischen Belastung das Gemüt stabil und voll funktionstüchtig zu erhalten. Nur gilt hier dasselbe wie bei körperlichen Erkrankungen: eine Erste-Hilfe-Maßnahme eignet sich nicht zur Therapie. Aber genau so reagiert die Stimme, wenn eine emotionale Schieflage nicht ausgeglichen wird. Die Frequenzverschiebung als “Erste Hilfe” wird zur Dauerbehandlung und schon bald zur scheinbaren Normalität. Die Stimmfrequenz verschiebt sich dauerhaft und etabliert sich nach einiger Zeit unbewusst und unbemerkt als scheinbar natürliche Stimmlage.

Dieser zweite Lehrsatz von Vemu Mukunda kann als Hinweis dafür gelten, die Frequenzwahl einer Stimme gut zu hinterfragen. Denn Menschen sind gerade in bezug auf ihre psychischen Belastungen sowohl duldsam als auch unaufmerksam. Diese schleichen sich durch die Hintertür herein und kommen auf leisen Pfoten. Erst wenn sie sich richtig breit gemacht haben, gelangen sie ins Bewusstsein. Aber dann haben sie oft schon dermaßen Besitz von der Persönlichkeit ergriffen, dass sich die Problematik nicht mehr mal eben schnell ausblenden lässt. Die Stimme hat schon viel zu lange die Frequenz der Belastung angenommen als dass es möglich wäre, binnen kurzem die originale Stimmlage wieder zu entdecken und anzustimmen.

Fasst man beide Lehrsätze zusammen, kann man zu dem Ergebnis kommen, dass sich in der Stimme zwei Arten von Frequenzen zeigen: Töne der Gesundheit und Töne zur Kompensation von Krankheit. Um diese voneinander zu unterscheiden, braucht jede Stimmmessung eine sorgfältige Interpretation. Aber welches sind die Faktoren, anhand derer sich eine solche Unterscheidung vornehmen lässt? Ein Faktor hilft leider gar nicht, und das ist die Frequenz als solche. Es hat sich gezeigt, dass alle 12 Töne sowohl als Persönlicher Grundton als auch als Krankheitston fungieren können. Es kommt also jeder der 12 Töne als Persönlicher Grundton in betracht, aber jeder dieser Töne kann gleichsam auch auf eine verdeckte Belastung hinweisen. Wie lässt sich das Klarheit in das vielfältige Wirrwarr von Stimmfrequenzen bringen?

Wirksame Unterscheidungsmerkmale liefern die Töne selbst. Jeder von ihnen hat seine eigene Charakteristik, seine eigene Kraft, aber auch seine eigenen Schwachstellen. Zudem stellt sich ein Ton völlig verschieden dar, je nachdem, ob er als Kraftquelle dient oder zur Kompansation genutzt wird. Für die Vergabe eines Grundtons braucht man sowohl einen fundierten Wissensstand, der um diese Unterschiede weiß, als auch die Gabe des feinen Zuhörens, um diese Unterschiede wahrzunehmen. Passt die Präsentation der Stimme nicht zur Präsentation der Persönlichkeit, muss der Grundton abweichend von der Häufigkeit seines Auftretens vergeben werden.

Der Erörtern der Stimmmessungen führt an dieser Stelle zurück zur anfangs gestellten Frage: “Was ist der Persönliche Grundton?” Klar ist, dass es sich um diejenige Frequenz handelt, die unabhängig von körperlicher oder psychischer Dysbalance, egal ob akut oder chronisch, den Zustand der Gesundheit markiert. Mit diesem Ton lässt sich die Gesundheit fördern, ohne dass eine Krankheit behandelt wird. Aber selbst mit dieser Funktion ist das Essentielle des Grundtons nicht erfasst. Seine originäre Existenz führt tief hinein in die feinen und immateriellen Schichten des Menschlichen. Und je nachdem, wie weit und tief man auf der Reise zu sich selbst vorgedrungen ist, wird die Antwort auf das Eigentliche des Grundtons unterschiedlich ausfallen. Die jeweilige Antwort ist veränderlich, denn sie ist direkt vom individuellen Bewusstseinsstand abhängig.

Für diejenigen, die ihren Grundton kennen lernen wollen, ist dies zunächst ohne Belang. Nicht so aber für alle Personen, die Grundtöne ergründen. Der Grad der eigenen Selbsterkenntnis ist direkt verknüpft mit der Fähigkeit, den Grundton bei anderen Menschen aufzuspüren. Sobald klar ist, welch immens tiefe Bedeutung der Persönliche Grundton hat, wird auch klar, dass diese verborgene innere Kraft sich nicht automatisch zeigen muss, sondern nur über feine Wahrnehmung aus der Tiefe des Wesens an die Oberfläche transportiert werden kann. Da gibt es keine Erfolgsgarantie, keine Sicherheit, keine eindeutige Lösung wie bei einer mathematischen Gleichung. Das Entdecken dieses zarten Tons ist ein feines Erlauschen in die Weite, ein vorsichtiges Ertasten in unbekannte Tiefen, ein staunendes Entdecken innerer Welten.

Natürlich kommt bei jeder Grundtonbestimmung als Ergebnis ein Ton heraus. Aber ganz gleich ob dieses Procedere mit der Technik der Stimmmessung, der Kinesiologie oder anderen Arten von Messungen durchgeführt wurde, bleibt doch am Ende offen, was dieser Ton tatsächlich in der frequenzdefinierten Landkarte eines Menschen bedeutet. Ist es wirklich der Persönliche Grundton, gemessen an der tiefen Bedeutung, der diese Bezeichnung innewohnt? Oder ist es ein vorübergehender Heilton, oder kennzeichnet dieser Ton das größte tonale Defizit? Eine klare Anwort auf diese Fragen ergibt sich erst aus der Aktivierung dieses Tons durch die Stimme. Es gibt mittlerweile reiche Erfahrungswerte, in welcher Weise das Singen des Grundtons eine positive Veränderung in der Eigenwahrnehmung des Menschen hervorruft. Treten diese Veränderungen trotz regelmäßigen Singens nicht auf, war der gefundene Ton nicht der Persönliche Grundton. Die Suche muss fortgesetzt werden und es braucht weitere Messungen, um den richtigen Ton aus der Tiefe zu bergen. Erst dann erweist sich ein Ton als Persönlicher Grundton, wenn er anhand der Erfahrung seiner transformierenden Wirkung verifiziert werden konnte.

Wer seinen Ton entdecken und erkennen möchte, sollte sich darüber im klaren sein, dass er den Ausgangspunkt für eine innere Reise sucht. Diese Entdeckungstour kann selbst zu einer interessanten Reise werden. Doch nur wenn ein guter Anfang gesetzt ist, kann es ein erfolgreiches Ende geben. Allerdings lässt sich ein Geheimnis vorerst nicht klären, und das ist die Frage, wie jeder Mensch zu “seinem” Ton kommt. Warum ist es dieser und nicht jener? Wann, wo und wie ist dieser Ton entstanden? Das sind zulässige Fragen, auf die der derzeitige Wissensstand leider mit einem Achselzucken antworten muss.

 

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