Über die Tücken der Grundtonbestimmung

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Über die Tücken der Grundtonbestimmung

Treffe ich den richtigen Ton?

Als Anfang der 1990er Jahre Vemu Mukunda die Idee vom Persönlichen Grundton im deutschsprachigen Raum verbreitete, galt diese als absolutes Novum. Heutzutage ist die damalige Hypothese für viele Menschen längst zur Gewissheit geworden, die nicht mehr diskutiert werden muss. Das heißt aber nicht, dass die zentralen Fragen zum Persönlichen Grundton geklärt wären. Im Gegenteil: obwohl sich fast alle Menschen, die persönliche Grundtöne ermitteln, direkt oder indirekt auf Vemu Mukunda berufen, ergeben sich erhebliche Unterschiede bei der Beantwortung der Fragen: “Was ist der Persönliche Grundton?” und “Wie finde ich den Persönlichen Grundton?” Wie kann das sein?

Hören wir zunächst auf einen der zentralen Lehrsätze von Vemu Mukunda. Dieser lautet: “Der Persönliche Grundton ist in der Stimme hörbar.” Dieser Grundsatz lässt allerdings offen, was dieser Grundton tatsächlich ist, noch klärt er, wie genau dieser Ton sich verlautbart. Eine mögliche Umsetzung von Mukundas Lehrsatz besteht darin, unter vorgegebenen Bedingungen die Sprechstimme aufzuzeichnen und die verwendeten Frequenzen quantitativ zu bündeln. Die am häufigsten verwendete Tonhöhe wird zum Grundton. Dieses techniche Messverfahren beantwortet die Frage, was der Persönliche Grundton ist, mit der Menge der vorgefundenen Frequenzen. Damit beruft es sich auf die alten naturwissenschaftlichen Grundparameter von “messen – zählen – wiegen”. Eine quantitative Messung beantwortet die oben formulierte erste Frage ganz eindeutig: häufigster Ton = Grundton, Grundton = häufigster Ton.

“Der Persönliche Grundton ist in der Sprechstimme hörbar” – dieser Satz behauptet aber nicht, dass eine quantitative Stimmmessung zwangsläufig zum gewünschten Ziel führt. Es bestehen ausreichend Hinweise dahin gehend, dass sich die Frequenz des Persönlichen Grundtons zwar in der Stimme zeigt, unter Umständen aber nur in versteckter, subtiler Form. Wer die Chance hatte, Vemu Mukunda bei seinen Grundtonbestimmungen über die Schulter zu schauen und seinen Messungen zu assistieren, konnte leicht feststellen, dass er bei weitem nicht immer die am häufigsten vorgefundene Frequenz als Persönlichen Grundton vergeben hat. Im Extremfall konnte es sogar passieren, dass diese besondere Tonhöhe nur ein einziges Mal auftauchte, wohingegen andere Töne viel häufiger auftraten. Und trotzdem hat Mukunda den Grundton zu recht in Abweichung zur Quantität vergeben. Was hat ihn dazu bewegen können?

Ein zweiter zentraler Lehrsatz von Vemu Mukunda lautet: “Die Stimme ist ein Autokorrekturinstrument.” Jeder Mensch verfügt über eine Menge von Autokorrekturmechanismen. Im körperlichen Bereich sind die bekanntesten Schmerz, Fieber, Entzündung, funktionale Ausgleichsbewegungen und einige mehr. Aber auch auf der Ebene der Frequenzen findet dieser Mechanismus statt. Wenn eine bestimmte Frequenz nicht erklingen kann, weil eine körperliche oder emotionale Dysfunktion ein freies Schwingen dieses Tons verhindert, so füllt die Stimme dieses Frequenzdefizit auf, indem sie diese Tonhöhe vermehrt anstimmt. Diese stimmliche “Erste Hilfe” dient dazu, trotz einer akuten oder chronischen Belastung das Gemüt stabil und voll funktionstüchtig zu erhalten. Nur gilt hier dasselbe wie bei körperlichen Erkrankungen: eine Erste-Hilfe-Maßnahme eignet sich nicht zur Therapie. Aber genau so reagiert die Stimme, wenn eine emotionale Schieflage nicht ausgeglichen wird. Die Frequenzverschiebung als “Erste Hilfe” wird zur Dauerbehandlung und schon bald zur scheinbaren Normalität. Die Stimmfrequenz verschiebt sich dauerhaft und etabliert sich nach einiger Zeit unbewusst und unbemerkt als scheinbar natürliche Stimmlage.

Dieser zweite Lehrsatz von Vemu Mukunda kann als Hinweis dafür gelten, die Frequenzwahl einer Stimme gut zu hinterfragen. Denn Menschen sind gerade in bezug auf ihre psychischen Belastungen sowohl duldsam als auch unaufmerksam. Diese schleichen sich durch die Hintertür herein und kommen auf leisen Pfoten. Erst wenn sie sich richtig breit gemacht haben, gelangen sie ins Bewusstsein. Aber dann haben sie oft schon dermaßen Besitz von der Persönlichkeit ergriffen, dass sich die Problematik nicht mehr mal eben schnell ausblenden lässt. Die Stimme hat schon viel zu lange die Frequenz der Belastung angenommen als dass es möglich wäre, binnen kurzem die originale Stimmlage wieder zu entdecken und anzustimmen.

Fasst man beide Lehrsätze zusammen, kann man zu dem Ergebnis kommen, dass sich in der Stimme zwei Arten von Frequenzen zeigen: Töne der Gesundheit und Töne zur Kompensation von Krankheit. Um diese voneinander zu unterscheiden, braucht jede Stimmmessung eine sorgfältige Interpretation. Aber welches sind die Faktoren, anhand derer sich eine solche Unterscheidung vornehmen lässt? Ein Faktor hilft leider gar nicht, und das ist die Frequenz als solche. Es hat sich gezeigt, dass alle 12 Töne sowohl als Persönlicher Grundton als auch als Krankheitston fungieren können. Es kommt also jeder der 12 Töne als Persönlicher Grundton in betracht, aber jeder dieser Töne kann gleichsam auch auf eine verdeckte Belastung hinweisen. Wie lässt sich das Klarheit in das vielfältige Wirrwarr von Stimmfrequenzen bringen?

Wirksame Unterscheidungsmerkmale liefern die Töne selbst. Jeder von ihnen hat seine eigene Charakteristik, seine eigene Kraft, aber auch seine eigenen Schwachstellen. Zudem stellt sich ein Ton völlig verschieden dar, je nachdem, ob er als Kraftquelle dient oder zur Kompansation genutzt wird. Für die Vergabe eines Grundtons braucht man sowohl einen fundierten Wissensstand, der um diese Unterschiede weiß, als auch die Gabe des feinen Zuhörens, um diese Unterschiede wahrzunehmen. Passt die Präsentation der Stimme nicht zur Präsentation der Persönlichkeit, muss der Grundton abweichend von der Häufigkeit seines Auftretens vergeben werden.

Der Erörtern der Stimmmessungen führt an dieser Stelle zurück zur anfangs gestellten Frage: “Was ist der Persönliche Grundton?” Klar ist, dass es sich um diejenige Frequenz handelt, die unabhängig von körperlicher oder psychischer Dysbalance, egal ob akut oder chronisch, den Zustand der Gesundheit markiert. Mit diesem Ton lässt sich die Gesundheit fördern, ohne dass eine Krankheit behandelt wird. Aber selbst mit dieser Funktion ist das Essentielle des Grundtons nicht erfasst. Seine originäre Existenz führt tief hinein in die feinen und immateriellen Schichten des Menschlichen. Und je nachdem, wie weit und tief man auf der Reise zu sich selbst vorgedrungen ist, wird die Antwort auf das Eigentliche des Grundtons unterschiedlich ausfallen. Die jeweilige Antwort ist veränderlich, denn sie ist direkt vom individuellen Bewusstseinsstand abhängig.

Für diejenigen, die ihren Grundton kennen lernen wollen, ist dies zunächst ohne Belang. Nicht so aber für alle Personen, die Grundtöne ergründen. Der Grad der eigenen Selbsterkenntnis ist direkt verknüpft mit der Fähigkeit, den Grundton bei anderen Menschen aufzuspüren. Sobald klar ist, welch immens tiefe Bedeutung der Persönliche Grundton hat, wird auch klar, dass diese verborgene innere Kraft sich nicht automatisch zeigen muss, sondern nur über feine Wahrnehmung aus der Tiefe des Wesens an die Oberfläche transportiert werden kann. Da gibt es keine Erfolgsgarantie, keine Sicherheit, keine eindeutige Lösung wie bei einer mathematischen Gleichung. Das Entdecken dieses zarten Tons ist ein feines Erlauschen in die Weite, ein vorsichtiges Ertasten in unbekannte Tiefen, ein staunendes Entdecken innerer Welten.

Natürlich kommt bei jeder Grundtonbestimmung als Ergebnis ein Ton heraus. Aber ganz gleich ob dieses Procedere mit der Technik der Stimmmessung, der Kinesiologie oder anderen Arten von Messungen durchgeführt wurde, bleibt doch am Ende offen, was dieser Ton tatsächlich in der frequenzdefinierten Landkarte eines Menschen bedeutet. Ist es wirklich der Persönliche Grundton, gemessen an der tiefen Bedeutung, der diese Bezeichnung innewohnt? Oder ist es ein vorübergehender Heilton, oder kennzeichnet dieser Ton das größte tonale Defizit? Eine klare Anwort auf diese Fragen ergibt sich erst aus der Aktivierung dieses Tons durch die Stimme. Es gibt mittlerweile reiche Erfahrungswerte, in welcher Weise das Singen des Grundtons eine positive Veränderung in der Eigenwahrnehmung des Menschen hervorruft. Treten diese Veränderungen trotz regelmäßigen Singens nicht auf, war der gefundene Ton nicht der Persönliche Grundton. Die Suche muss fortgesetzt werden und es braucht weitere Messungen, um den richtigen Ton aus der Tiefe zu bergen. Erst dann erweist sich ein Ton als Persönlicher Grundton, wenn er anhand der Erfahrung seiner transformierenden Wirkung verifiziert werden konnte.

Wer seinen Ton entdecken und erkennen möchte, sollte sich darüber im klaren sein, dass er den Ausgangspunkt für eine innere Reise sucht. Diese Entdeckungstour kann selbst zu einer interessanten Reise werden. Doch nur wenn ein guter Anfang gesetzt ist, kann es ein erfolgreiches Ende geben. Allerdings lässt sich ein Geheimnis vorerst nicht klären, und das ist die Frage, wie jeder Mensch zu “seinem” Ton kommt. Warum ist es dieser und nicht jener? Wann, wo und wie ist dieser Ton entstanden? Das sind zulässige Fragen, auf die der derzeitige Wissensstand leider mit einem Achselzucken antworten muss.

 

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